Von der Sehnsucht nach Eindeutigkeit
Beratung und Führung haben ein gemeinsames Suchtproblem: die Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Wir werden engagiert, um eindeutige Antworten zu liefern. Klarheit zu schaffen. Komplexität zu reduzieren. Aber was, wenn genau das gar nicht sinnvoll möglich ist?
Wer andere zum Perspektivwechsel einlädt, sollte auch die eigenen Denkmuster immer wieder auf den Prüfstand stellen. Deshalb gönne ich mir selbst regelmäßig eine Runde intellektuelle ‚Denkverstörung‘ – zuletzt in einem großartigen Seminar zur Systemtheorie von Klaus Eidenschink. Dort zeigt er eindrücklich, wie tief unser Denken von metaphysischen Vorstellungen geprägt ist: von der Prämisse, es müsse die eine richtige Lösung, die Wahrheit oder die gute Entscheidung geben.
Gerade in Unternehmen suchen wir oft nach Eindeutigkeit, wo keine zu finden ist. Wir machen Zahlen, Daten, Fakten zu Wahrheitsmitteln, um Entscheidungen als rational oder vernünftig zu begründen.
Doch komplexe Systeme funktionieren nicht so.
Unsicherheit ist der normale Zustand, denn die Zukunft ist per definitionem unbekannt. Erst im Nachhinein lässt sich sagen, ob eine Entscheidung „richtig“ war. Zudem ist die Welt voller Paradoxien, die sich nicht auflösen, sondern nur gestalten lassen.
Daraus folgt für mich auch ein anderes Verständnis von Beratung und Führung.
Vielleicht besteht unsere wichtigste Aufgabe nicht darin, die richtigen Antworten zu liefern, sondern Bedingungen zu schaffen, die andere Antworten ermöglichen. Indem wir andere Beobachtungsperspektiven eröffnen und die Reflexionsfähigkeit des Systems erweitern.
Anstatt Komplexität reduzieren zu wollen oder wegzuerklären, sollten wir Komplexitätskompetenz stärken – unsere eigene und die der Entscheider: Wie bleiben wir in Paradoxien handlungsfähig? Wie gehen wir mit dem Unerwarteten, mit Widersprüchen und auch mit dem Scheitern um?
Das ist kein Plädoyer für Beliebigkeit.
Sondern dafür, die Begrenztheit der eigenen Perspektive ernst zu nehmen. Entscheidungen zu treffen, ohne sich mit ihnen zu identifizieren. Widerspruch und Gegenrede nicht als Störung, sondern als Ressource zu verstehen. Und handlungsfähig zu bleiben, obwohl die Welt nicht eindeutig ist.
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